Der Zug setzte sich in Bewegung und Neles Kopf drehte sich unwillkürlich entgegen der Fahrtrichtung, da ihr Blick an den kleinen, schwarzen Strichsoldaten der Bahnhofsuhr haften blieb. Gedankenverloren betastete sie den Karton, der in ihrem Schoß lag. Sie überlegte wohin sie dessen Inhalt packen könne, damit es ihr in nächster Ewigkeit nicht kaputt ging. Dabei glitt ihr Blick über die immer schneller vorbeiziehenden Landschaft. Das Grün der Baumkronen zogen stolz schlingernde Wellen über den erdenden Asphalt und die Strommasten quittierten den Fortschritt, welcher sich in dieses natürliche Bild drängte. „Hässliche Netzschnüre.“ dachte sie zerknittert, ob der Tatsache, dass sie dort nun einmal zwischen den Masten hingen. Sie hätte gern gewusst, wie es vor der Zeit des fließenden Stroms war. Zu der Zeit, als noch kein Vierradantrieb die die Städteverbindenden Straßen vollstopften. Doch für diese Zeiten war sie zu jung. Und auch war ihre Erfahrung zu jung, um gewissen Dinge zu akzeptieren. Dinge wie die Ambivalenz, die dem Menschen innewohnt oder der Egoismus, der einen unter Umständen überleben lässt. Neben diesen Dingen konnte sie auch nicht akzeptieren, dass man sein Herz vielleicht mehrmals verliert, sich häufiger verliebt und mehr als einen Partner im Leben hat. Für sie war das unlogisch. In ihre Welt passte eine solche Unverfrorenheit nicht. Und als sie Janosch kennen lernte, konnte sie das noch weniger glauben.
Janosch war ein großgewachsener Bulgare, der dort geboren, aber in Hamburg aufgewachsen war. Er war klug und belesen und imponierte damit den Mädchen um sich herum. Er konnte zuhören und nachempfinden, wenn man mit ihm seine Probleme teilte. Als Nele das merkte, war auch sie sehr verzückt. So klar hatte sie noch nie empfunden. Sie war verknallt. Und auch Janosch war ihr sehr zugetan. Sie war hübsch und ihr Interesse an den Themen, die ihn bewegten, führten dazu, dass sein Herz holpernd schneller schlug. Zarte erste Annäherungsversuche endeten in stundenlangen Gesprächen, in denen alle möglichen verborgenen Gedanken und Ideen hin und her geschoben, erweitert, erahnt und gemocht wurden. Zarte Knospen intensiver Lust, wild wuchern wollend, wuchsen in beiden heran. Fürsorglich näherten sie sich weiter an, dem Bedürfnis sich ineinander zu verheddern nachgebend. Nachdem eine ihm angemessene Zeit verstrichen war, lud er sie zu sich ein. In eine Wohnung ohne Strom. Er hatte die Rechnung nicht bezahlen können, daher erleuchteten Kerzen den Abend in diesem kleinen Zimmer, in der nur eine Matratze lag und eine Kommode stand. Sie fand das sehr romantisch. Auch, dass er seine Freiheit über Besitztümer stellte, fand sie überaus bestechend. Und während sie plauderten und er ihr dabei mit sanften Fingern über die Wirbelsäule fuhr, verliebte sie sich. Er sagte ihr, dass er sich nichts mehr wünsche, als sie glücklich zu machen und am liebsten würde er sie auffressen. Nele lächelte „Na dann mach das.“ Janosch sah sie an „Was dürfte ich denn von dir essen?“ Sie streckte sich zu seinem Ohr „Alles, was du willst. Wenn ich dafür auch etwas von dir haben darf.“ Janosch nickte, wobei sich die Haut ihrer Wangen berührte. Sie konnten nicht mehr widerstehen, sich ihrer körperlichen Zuneigung zu unterwerfen.
Erschöpft und schwer atmend lagen sie nebeneinander „Wow, das war … das war der Wahnsinn!“ schnaufte sie, während ihr Brustkorb noch nach bebte. Janosch legte sich nah neben sie und nahm ihre Hand „Hat es dir gefallen?“ Sie sah ihm in die Augen und blinzelte „Es war mein erstes Mal und ja, es hat mir sehr gefallen.“ Janosch zuckte ein wenig zurück „Warum hast du mir das nicht gesagt, Nele? Dann wäre ich doch vorsichtiger gewesen.“ Sie lächelte ihn beruhigend an „Nein. Es war perfekt so.“ Er küsste sie auf die Stirn, lang und fest, bevor sie ineinander gewoben einschliefen. In der Nacht wachte sie mehrmals auf, schlief aber immer wieder schnell und friedlich ein, sobald sie spürte das Janosch neben ihr lag, bis der Morgen anbrach. Im Morgengrauen tastete sie mit geschlossenen Augen nach seiner warmen Haut, doch fanden ihre Hände nichts. Sie hob die Lider und sah, wie er vor der Matratze saß und sie lächelnd beobachtete. Sie stütze sich auf ihre Ellenbogen und Janosch nahm die Decke zu ihren Füßen in die Hand, um sie sehr langsam zu sich zu ziehen. Dabei entblößte er ihre Schultern, dann das Dekolletee und schließlich ihre kleinen, wohlgeformten Brüste. Er kletterte zu ihr und begann diese zu liebkosen. „Spielst du ein Spiel mit mir?“ Sie schloss die Augen und roch an seinem Haar, das dicht vor ihrem Gesicht lag, während er ihren Körper küsste „Natürlich.“ Er richtete seinen Blick auf „Ich mag es, wenn man die Kontrolle über mich hat. Ich mag es gefesselt zu sein, wenn man sich an mir befriedigt.“ Nele zog einen Mundwinkel in die Höhe und nickte.
Janosch griff neben die Matratze, zog darunter eine geknüpfte Schnur hervor, legte sie auf das lakenbespannte Federschaumrechteck und sich bequem daneben. Er bat Nele ihn zu fesseln. Sie nahm das Seil und begann ihn nach seinen Anweisungen festzuschnüren. Sie verknotete seine Handgelenke, die er anschließend hinter seinen Kopf legte. Dann zog sie das Seil um seine eingeknickten Ellenbogen und band das Ende in das Geflecht, welches entstanden war. Sie betrachtete ihn. Wie schön er war. Seine dunkelbraunen Haare lockten sich am Ende und fielen ihm in das markante Gesicht. Nele strich über seine Schultern bis hin zu seiner Brust, auf der sie ihre Finger spielend verweilen ließ. Sie beugte sich zu ihm und berührte seinen Mund mit ihren Lippen nur flüchtig. „Nimm dir, was du willst.“ flüsterte er, wobei Wollust seinem Blick entsprang und die Hoffnung, dass er bekäme, worauf er abzielte. Plötzlich sprang Nele auf und ging zügig aus dem Zimmer. Etwas verwirrt blieb er liegen, ließ sie jedoch ohne Worte gehen, da er darauf vertraute, dass sie zurück kommen würde. Und das tat sie. Nach einigen lauten Tönen, die er nicht zuordnen konnte, vernahm er ihr Tapsen zurück in seine Richtung. Fast scheu betrat sie langsam das Zimmer, die Hände auf dem Rücken verbergend. Sie setzte sich auf seinen Schoß und sah ihn liebevoll an. „Alles?“ Er verstand nicht „Was?“ Ihr Blick verfestigte sich „Ich darf mir alles nehmen, was ich möchte?“ Janoschs Augen schlichen um sie herum, als warte er darauf, dass ihm etwas passendes dazu einfiele „Aber ja doch. Alles was du willst.“
„Ich will ein Stück deiner Taille.“ flüsterte sie sanft lächelnd, drehte ihren Arm hervor und drückte die Spitze des Messers, das in ihrer Hand auf seine Berufung wartete, in die Flanke oberhalb seines Beckenknochens. Ihm entglitt ein schockbehafteter Schrei. Nachdem ihm gänzlich bewusst wurde, was sie da im Begriff war anzurichten, fuhr er sie an „Was tust du da?“ Sie schien es gar nicht zu hören. Da das Messer nicht sehr scharf war, hatte Nele Schwierigkeiten einen sauberen Schnitt zu tätigen und mühte sich ab, ihm nicht allzu sehr weh zu tun „Ich nehme mir ein Stück von dir. Ich will dich in mir haben. Weißt du nicht mehr, du hast es erlaubt. Keine Sorge danach darfst du auch etwas von mir essen.“ Ernüchterung legte sich auf sein Gesicht, als Nele ein Stück seines Fleisches anhob, um es letztendlich mit einem letzten Schnitt von ihm zu trennen. Sie schob sich das zwei Finger schmale und einen Daumen lange Stück Leben in den Mund. Ein Rinnsal Rot verirrte sich dabei hinaus über ihre Lippen und sie fing es mit der Zunge ab und hob es zurück in die warme, dunkle Höhle, in der soeben ein Teil von Janosch verschwunden war. Er starrte sie an und konnte nicht fassen, was da gerade passierte „Bist du total bescheuert, du Miststück? Das sagt man doch nur so. Wie zurück geblieben bist du eigentlich. Mach mich sofort los, du Psychobitch.“ Irritiert blickte sie zu ihm hinab „Aber … aber du hast gesagt, dass ich das dürfe. Wieso regst du dich jetzt so auf?“ Er begann sich unter ihr zu winden, um sie von sich hinunter zustoßen „Oh man, was bist du denn für ein Freak. Bind mich jetzt los und dann verpiss’ dich.“ Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, das in diesem Moment etwas in Nele zerbrach.
Teilnahmslos saß sie auf ihm, die Schulter gesenkt, den Blick über seinen Kopf gerichtet, wackelte sie in seinem taktlosen Rhythmus mit. Gedanke sprangen in ihren Kopf und schlugen ihre schwarzen Krallen in den präfrontalen Cortex. Er wollte sie nicht. Er hatte gelogen. „Aber ich will dich. Ich wollte dich immer, auch schon bevor ich dich kennen lernte.“ Er schrie, dass sie endlich von ihm runter gehen solle. Die Sekunde darauf war sie plötzlich innerlich ganz taub. Da war nichts mehr. Und das nichts griff nach ihrem Arm, hob diesen und ließ ihn immer wieder niederrauschen, sodass sich mit jedem Stich des mittlerweile nicht mehr kalten Metalls eine größere Lache Wärme unter ihre Hand ausbreitete. Dabei sah sie in sein Gesicht. Seine Mimik wirkte seltsam entstellt. Das irritierte sie. So schön war er gar nicht mehr. Eine ihrer Augenbrauen hob sich, als sie dies bemerkte. Sie wusste nicht wie lang ihr Arm auf ihn so einstach, aber irgendwann fiel ihr auf, dass seine Augen bereits geschlossen waren. Sie ließ das Messer auf die Matratze fallen und legte ihre Hände vor sich ineinander. Sie sah auf die von ihr errichtete Landschaft, die einst Janoschs Bauch war. Ihre Finger tippelten vor ihr am Rand der Verletzung und glitten automatisch in die Wunde hinein. Nele Schloss die Augen. Es war herrlich warm in ihm. Am liebsten hätte sie sich ganz klein gemacht und wäre in ihn gestiegen. Doch sie wusste, dass dies nicht möglich war, also erforschten ihre Hände sein Inneres bis sie weiter oben an etwas Festes stießen. Sie legte den Kopf zur Seite, senkte den Blick und umgriff, was sie gefunden hatte, mit beiden Händen, um daran zu ziehen. Stück für Stück trennte sich das Ding vom Körper und sie konnte es in die Freiheit heben. Es war Janoschs Herz, das sie da in den Händen hielt. Sie lächelte selig „Oh, wie wunderschön.“
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste, denn sie wollte ihre Oma heute besuchen, die weit auswärts wohnte. Nele stand auf und ging ins spärlich eingerichtete Bad. Dort legte sie den nicht mehr zuckenden, lauwarmen Muskel in das Waschbecken und ließ Wasser darauf fließen. Sie wusch es und hielt es dabei sacht in den Händen. Sie wollte dieses faustgroße Stück Glück nicht beschädigen. Dann wickelte sie es sorgfältig in ein Handtuch, ging zurück in das Zimmer, sah sich um und entdeckte einen Schuhkarton, der scheinbar achtlos auf den Boden geschmissen wurde. Sie legte die verpackte Kostbarkeit hinein, schloss den Deckel und zog sich an. Bevor sie ging, setzte sie sich an den Rand der Matratze und begann Janoschs Gesicht zu streicheln. Ihre Finger glitten über seine bereits erkaltete Haut und spielten ein wenig mit seinem Haar, das auf der Stirn lag. Sie beugte sich vor, küsste ihn auf Wange und Mund. Dann neigte sie ihren Kopf zur Seite und flüsterte „Ich werde gut auf dein Herz aufpassen, mein Liebster.“
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