jimiboyburton

a life less ordinary

deine eigene, kleine ewigkeit

Wir waren die Saatgut kleiner Plänzchen. Du und ich, gleichen Blutes, wir mochten die Ferien, denn dann konnten wir immer draußen spielen, bis die Sonne unterging. Vor dem Plattenbau in unserer Siedlung gab es eine weite Wiese, auf der große Steine lagen. Einer der Steine hatte eine kleine Kuhle und dort schütteten wir immer Wasser, gezupftes Gras und Sand hinein, um es mit Hölzern zu zermahlen, wir nannten es kochen. Wir kochten, jagten, spielten Familie, zeichneten mit Kreide Regenbögen an die Steine, atmeten unsere Kindheit. Wir wehrten uns gegen andere dumme Kinder, die nichts besseres zu tun hatten, als uns zu ärgern. Ich stellte mich schützend vor dich und bewegte mich keinen Millimeter, bevor diese anderen kleinen Menschen nicht verschwunden waren.

Und wenn unsere Eltern dann aus dem Fenster riefen, dass es Abendbrot gäbe, nahm ich dich an die Hand und zog dich von unserer geschaffenen Realität weg; allein wärst du nie gegangen. Wenn wir oben angekommen waren, zogen wir unsere Sandalen aus und gingen in die Küche, um das Geschirr auf den Balkon zu bringen. Dieser war riesig und wir waren gern dort. Unser Vater klappte dann die Holzgarnitur von der Wand ab, deren Mechanik mich immer faszinierte. Und dann aßen wir gemeinsam, erzählten von unserem Tag und verbrachten die Zeit vor dem Schlafengehen im Rest des lauen Abends, dem Rascheln der Blätter am Grund lauschend. Wenn unser Vater dann sagte, dass wir am nächsten Tag zum See fahren könnten, waren wir immer so aufgeregt, dass wir kaum einschlafen wollten.

Am nächsten Morgen schlich ich mich oft sehr früh ins Wohnzimmer, weil ich nicht schlafen konnte. Dann schaltete ich den Fernseher ein, machte ihn ganz leise und setzte mich dicht davor. Sobald ich ein Geräusch vernahm, schaltete ich auf den Sender zurück, auf dem das Programm lief, als ich ihn eingeschaltet hatte. Das tat ich um nicht erwischt zu werden, bevor ich ihn ausmachte und zurück in unser Kinderzimmer lief. Meine Mutter verabschiedete sich in den Tag und ging zur Arbeit, während wir den Tisch für das Frühstück vorbereiteten. Als dann alles gepackt war, für den Tag am See, machten wir uns auf den Weg. Wir saßen im biegen Wartburg, kurbelten die Fenster runter und ließen den Wind durch unser Haar stürmen, wenn wir unsere Köpfe aus dem Auto hielten. Für uns war das freie und pure Glückseligkeit. Angekommen, nahmen wir die Taschen und liefen die langen Schotterwege zum Strand. Und immer verfingen sich kleine Steinchen in unseren offenen Schuhen und wir fluchten und schüttelten sie unter wildem Gebaren hinaus.

Meist war es noch sehr früh am Morgen und die Bäume warfen lange Schatten über den Sand vor dem Wasser. Es war kühl und die Luft glitt angenehm über unsere zarte Haut. Die winzig kleinen Körner drückten sich kalt zwischen unsere Zehen und wir kicherten darüber, weil es kitzelte. Wir breiteten die braun karierte Decke aus, die heute in meinem Besitz ist, und zogen unsere Badesachen an. Du hast oft den dunkelblauen Badeanzug getragen, den ein hellblauer Streifen auf Brusthöhe zierte. Deine dürren Beinchen wollten immer schnell zum seichten Wasser, doch unser Vater hielt uns zurück, weil er wollte, dass wir uns eincremten. Und dann, sonnengeschützt und ungestüm, rannten wir ins Nass, ließen uns hineinfallen, spielten, tauchten und waren. Als wir so an der Oberfläche trieben, strichen die Sonnenfinger über unsere Lider, die wir ob der Helligkeit zusammen kniffen. Die feuchten Perlen, gleich kleiner Edelsteine, schmückten unsere Gesichter und kühlten unsere kindlichen Gemüter. Nie begehrte ich mehr, als mit dir dort im Wasser zu treiben.

Unser Vater winkte uns zu sich und nur widerwillig verließen wir den Hort unserer Freude. Eingewickelt in ein Handtuch, lief ich mit ihm, um uns Hähnchen zum Mittag am Imbiss zu holen. Du lagst auf der Decke und hast in den Himmel geschaut, während wir im mittlerweile heißen Sand fort liefen und uns in die lange Schlange der Hungrigen eingliederten. Ich mochte es immer sehr, wenn kleine Rinnsäle vom Haar über meinen Rücken liefen, während wir uns wartend die Zeit schön sahen. Unser Vater holte uns immer noch ein Eis. Ich sollte für dich entscheiden und wählte Bumbum; das mochtest du so gern, weil dieses Eis einen Kaugummi im Stiel hatte. Zurück bei dir, saßen wir und aßen und ließen uns unsere Eis schmecken, bedankten uns und mussten warten, bis wir wieder ins Wasser durften. Und so lagen wir im Sand, getrennt davon durch den weichen warmen Stoff der Decke, und sahen uns die Bäume an. Sie waren so unendlich grün, schimmerten in unzähligen Nuancen, wogen sich taktlos unter den hell glänzenden Weiten über uns.

Ich hoffe, du erinnerst dich. Alles hätte ich gegeben, sodass deine Bäume immer grün für dich sind. Doch manchmal konnte ich nicht handeln. Und dann zerstob das Grün in traurig graue Asche. Doch immer, immer hab ich es versucht. Ich wünsche mir, dass deine Bäume wieder satte Farbe tragen. Und das für deine eigene, kleine Ewigkeit.

cor pueri

Es ist warm an diesem Sonntagnachmittag im Garten meiner Großeltern, an dem ich auf der Schaukel am kleinen Becken sitze, in dem unzählige Wasserspinnen über die Oberfläche gleiten. Sie schweben darauf, als wären sie das Wasser selbst. Die Sonne zeichnet ihre Schatten auf die lehmigsteifen Wände des Beckens, so tief steht sie. Die Grashalme darum sind so hoch, sie wiegen sich gleich verschiedener Töne im Wind, bis eine Melodie in meinem Kopf entsteht. Ich kenne dieses Lied; wir summten es damals zusammen und lachten jedes Mal, wenn einer von uns beiden den Takt nicht halten konnte. Oft saß ich auf der Schaukel und du hast mich angestoßen, damit ich in die Luft flog und einen Moment der Schwerelosigkeit genießen konnte. Du kanntest meinen Traum fliegen zu können und wolltest ihn mir erfüllen, auch wenn es ein Wunsch war, dem ich mit zwölf Jahren langsam entwuchs. Wir kannten uns seit dem Kindergarten und teilten jede freie Minute miteinander. Ich mochte dich sehr und wollte dich immer um mich haben. Ich liebte dich und liebe dich noch.

Ich erinnere mich an den Erdbeerkuchen, den deine Mutter oft machte, sobald es wärmer wurde. Sie sprühte für uns Kinder immer Gesichter mit Sahne auf die Teller und garnierte zwei der Früchte als Augen. Sie war eine liebende Frau, stets darum bemüht, uns Gutes zu tun. Und uns ging es gut. Nach der Schule durchstreiften wir die Wälder, die um den See lagen. Wir versuchten Fische mit selbst gebauten Angeln zu fangen, was uns auch ab und an gelang. Des Wartens auf unsere Beute müde, spielten wir Fangen und Verstecken bis der Abend herein brach und sich die Dämmerung über das ruhige Gewässer legte. Wir packten dann unsere Sachen zusammen und du nahmst mich an die Hand. Immer nahmst du mich an deine Hand, die mir so wohlig warm und schützend erschien. Ich wollte, dass du meine Hand niemals los lässt. Und dann hast du mich nach Haus gebracht und dich bis zum nächsten Tag verabschiedet.

Doch viel zu schnell wurde das alles sehr selten, als wir älter wurden. Du warst immer häufiger mit anderen Freunden unterwegs, was ich verstand, was mir aber nicht gefiel. Und so saugte ich jede Sekunde mit dir in mich ein, um sie zu konservieren. An einem Nachmittag lagen wir im Garten meiner Großeltern im Gras, um die Wolken zu zählen, die vorbei zogen und den Blättern der Bäume beim Windspiel zu zusehen. Du bist aufgestanden und hast meine Hand genommen, so wie du es immer getan hast, wenn du wolltest, dass ich dir folge. Du nahmst mich an deiner Hand mit zum kleinen Becken, an das wir uns setzten. „Hast du schon mal jemanden geküsst?“ ich verschluckte mich halb an meinem heftigen Kopfschütteln, als du diese Frage gestellt hattest. Ich sah dich an und irgendetwas war anders an dir. Deine hellen Haare warfen Locken um den Rand deines Gesichtes und die Luft trieb ihren wunderbaren Duft zu mir. In deiner blaugrauen Iris warfen silberne Eisberge zackig ihre Kontur um deine Pupille. Es vergingen wohl Ewigkeiten bis du dich auf mich zu bewegt hattest, so kam es mir vor. Deine Lippen berührten sanft meinen Mund und die weiche Haut darum. Ich zersprang innerlich in tausend Seelen, die blind wurden und nicht mehr zueinander fanden. Ihr Hände klatschten suchend aneinander und erzeugten ein Gefühl des Schwebens in mir. Als sich dein Mund von mir löste, zog sich mein Gesicht deinem nach und meine Augen kamen zur Besinnung, während sie dich anstarrten.

„So jetzt hast du jemanden geküsst.“ ein Lächeln legte sich auf deine Züge, bevor du deinen Blick wieder dem Wasser gewidmet hast. Mit offenem Mund sah ich dich an, bemerkte die zarten blonden Härchen, die an deiner Wange hinab kletterten. Ich versuchte dich in mir zu zeichnen, wie ein Portrait, das mir bis dahin verborgen blieb. Fragen sammelten sich in meinem Kopf und schrien mir laut und wild durcheinander mein Verhalten zu. Und dann schubste meine Unsicherheit Verderben auf die Zunge, um diese auszuspucken „Ich liebe dich.“ Als dieser Satz aus mir plumpste, hast du mich ungläubig angesehen „Was meinst du?“ Ich schluckte harte Brocken fehlerhaft erscheinender Tatsachen hinunter „Ich liebe dich. Ich liebe dich, seit ich denken kann. Ich hab dich schon immer geliebt.“ Du hast den Kopf geschüttelt und breit gegrinst „Du weißt doch gar nicht, was Liebe ist. Es war nur ein Kuss. Nichts von Bedeutung.“ In diesem Augenblick starb ich. Und sterbend griff ich nach einem großen Stein, der neben meinen Beinen lag. Und sterbend schlug ich damit auf deinen Kopf und dein schönes Gesicht ein. Ich schlug so lange darauf ein, bis nur noch ein rot pulsierender Klumpen von deinem Haupt übrig war. Ich saß neben deinem lädierten Körper und sah wie Kopf, Schulter und ein Arm im Wasser hing. Dein Blut zog exzentrische Gebilde über die Oberfläche und glitt unter die Beinchen der Wasserspinnen. Dann überkam mich eine stille Schwärze und ich sank gedankentaub ins Gras, welches meine Haut sacht streichelte, während das Innere meines Kopfes das Bewusstsein verlor.

Es ist warm an diesem Sonntagabend, an dem ich dich neben dem kleinen Becken vergrabe. Meine Hände schwitzen Blut, die Hitze ist unerträglich auf meiner Haut. Ich grabe weinend mit meinen bloßen, kleinen Fingern ein Loch in die harte Erde. Sie sträubt sich gegen meine Griffe; so sehr, wie ich mich sträubte, dich zu verlieren. Und so grabe ich und mein Rotz und die Tränen, die unter meinen Lidern störrisch hervor treten, befeuchten die Erde unter diesem Akt der Verzweiflung. Als das Loch tief genug ist, stehe ich auf und ziehe dich an deinen toten Handgelenken in diese Grube. Dein Körper ist schwer, gleich meiner Wehmut, und lässt sich kaum bewegen. Ich knie mich neben dich und beginne dein Leib zu rollen, bis du hinab plumpst in die kalte Tiefe. Ich gleite an den erdenen Wänden hinterher und lege mich auf dich. Ich halte dein Gesicht zwischen meinen Händen, sehe dich an und meine Lippen zittern, bei dem Versuch etwas zu sagen, dass den Abschied erleichtert. „Ich liebe dich, doch du hast mich zuerst getötet.“ ist alles was ich hervorbringe, dann sinkt mein Gesicht auf deine dreckige Jacke. Nach einer Weile richte ich mich auf, gebe dir einen Kuss auf deinen eisigen Mund und klettere aus deiner Gruft, während ich japsend nach Luft schnappe. Dann schütte ich die Erde über dich, in der Gewissheit, dass du dort nun für immer liegen wirst; neben dem Becken in dem die Wasserspinnen tanzen.

Ich reibe meine Hände. Sie sind nicht schmutzig, doch ich reibe sie an einander, als wären sie es. Ich spüre die Erde und dein Blut daran kleben. Oft spüre ich das, auch wenn ich nicht im Garten meiner Großeltern bin. Ich stehe von der Schaukel auf, stelle mich an das kleine Becken und sehe hinab zu den Wasserspinnen. Dann gehe ich einen Schritt zur Seite und lächle auf den starren Boden vor mir, bevor ich gehe „Bis nächste Woche, mein Liebster.“

 

welk

Er blinzelte, als er durch ein dumpfes Krachen aufwachte. Dröge versuchte er die Augen offen zu halten und starrte in das dunkel verschwommene Zimmer. Er erinnerte sich, allein ins Bett gegangen zu sein, da sie noch kein Interesse daran hatte, sich schlafen zu legen. Etwas genervt schob er die Bettdecke, die ihn ohnehin nur halb bedeckte, mit den Beinen strampelnd zur Seite, stand auf und schleppte seinen kraftlosen Körper quer durch den Raum. Als er die Tür öffnete, blendete ihn das kalte Licht vom Flur, das dort müßig vor sich hin strahlte. Drei Schritte weiter, in Richtung Wohnzimmer, verhedderte sich einer seiner Füße in etwas Weichem und brachte seinen schlaftrunkenen Leib zu Fall. Im Moment, als sein Körper auf die Dielen aufprallte, verfluchte er schon instinktiv aufgestanden zu sein. Er blieb kurz liegen und rieb sich das angeschlagene Knie.

Er sah sich um. Kreuz und quer lagen Schuhe, Kleidung und diverse Kleinteile, die aus der ganzen Wohnung zusammen getragen wurden, um dort ohne logische Anordnung verteilt zu worden zu sein. Er zog seinen Fuß aus der Jacke, durch die er stürzte und richtete sich auf, um nach dem Grund und auch nach ihr zu suchen. Er stampfte in die Küche, in der auch Licht brannte und dort sah es nicht besser aus. Nichtsahnend trat er in ein Meer von zerschlagenen Eiern. Er stöhnte. Mehl, Zucker und andere Nahrungsmittel lagen wild verstreut herum und wirkten wie ein nicht sehr anmutiges Ballett aus Formen und Farben. Sein Blick wanderte an die Wand, an der krumme Herzen, die mit einer zähflüssigen, bereits braunrot getrockneten Flüssigkeit, gezeichnet waren. Er vermutete Ketchup und verdrehte die Augen. „Was für eine Sauerei.“ dachte er. Doch neu war es nicht. Manchmal passierte das einfach, wenn es ihr nicht gut ging. Mit dem glitschigen Eiweiß an den nackten Sohlen ging er in das Wohnzimmer.

Er blieb im Türrahmen stehen und betätigte den Schalter, um den Raum zu erhellen. Was er sah, ließ ihn jedoch bereuen, dass er sich dafür entschied. Die Polster des Sofas lagen unter dem Tisch und in Regale gequetscht. Zwei Kerzen standen kippelnd auf dem Fernseher und deren Wachs lief mittlerweile auf den Bildschirm. Er ging zu den Kerzen und blies sie aus. Sein Augenmerk richtete sich auf die Comicsammlung, die in einem Regal lag und beiden gehörte. Sie hatten sie vor Jahren angelegt. Jeder trug ein paar aus seiner Vergangenheit bei und gemeinsam ließen sie diese weiter wachsen. Doch nun waren diese nur noch ein Zundermittel. Sie hatte die Buntbilderheftchen zerfetzt und durch den Raum geschossen. Seine Augen waren versucht zu nässen, doch die Wut darüber drängte sich wie ein Schwamm hinein. Sein Blick schlich durch dieses Chaos. Sie hatte den Computer, auf dem sie schrieb, zertrümmert, die Stehlampe umgeschmissen und die Bücher aus dem Schrank im Raum verteilt. Fotoalben lagen auf dem Boden. Aus ihnen waren Fotos vergangener Tage heraus gerissen. Eine blutverschmierte Schere lag neben dem Esstisch und ein paar Tropfen desselben Blutes verteilten sich darum. Sein Atem wurde flacher; er musste da raus. Er drehte sich um und ging weiter ziellos durch ihr gemeinsames Refugium, bis er zum Bad kam.

Er fand sie in der Badewanne liegend, in sich zusammen gerollt. Blut ran trocknend an ihren Beinen herab, ihre Hände hielt sie verkrampft um ihren Leib geschlungen. Ihre Stirn drückte gegen die kalte Wand der Wanne und ihr Nase verbog sich unter dieser Lehne. Sie sah so unschuldig aus. Er kniete sich vor die Wanne und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dann streichelte er ihre Wange und flüsterte „Baby, komm. Wir gehen ins Bett.“ Sie regte sich ein wenig, um dann panisch zu zucken. Rabiat schlug sie seine Hand aus ihrem Gesicht „Wamähneeahn!“ Etwas irritiert, zog er die Augenbrauen tief ins Gesicht und griff ihr sanft in den Nacken, um ihren Kopf leicht zu drehen „Süße, komm mit mir ins Bett. Das ist doch unbequem hier.“ Ohne die Augen zu öffnen, fuhr sie ihn an „Wamähneeahn! Laameeenruuuduuuarrrrlooo!“ Er holte tief Luft, schloss die Augen und atmete lang aus. Dann stand er auf und ging in das Schlafzimmer. Kurz darauf kam er mit einem Kopfkissen und einer Decke zurück. Er hob ihren Kopf ein wenig an, wobei sie ein paar glucksende Töne von sich gab, und schob das Kissen darunter. Dann nahm er die Decke und legte diese auf sie. Den Teil zu ihren Füßen schlug er um, da er wusste, wie sehr sie es verabscheute, wenn ihre Beine zugedeckt waren.

Er beugte sich zu ihr und küsste ihre Stirn, lang und ausgiebig. Dann griff er an den Rand des kalten Acryls und senkte seinen Kopf, um kurz inne zu halten. Dabei wanderte der Blick zu seiner Linken und er entdeckte eine zerschmetterte Flasche Gin. Er erinnerte sich an den Krach, wegen dem er wach wurde und glaubte den Grund nun gefunden zu haben. Neben dem schwitzenden Glas lag eine leere Blistern. Darin hatten am Morgen nur drei ihrer Antidepressiva gefehlt. Er vermutete, dass es die Packung aus der Küche war, aus der er jeden Tag neben anderen Tabletten, ihre Medikation zusammen stellte. Er kümmerte sich darum, da ständig die Befürchtung bestand, dass sie aus irgendeinem Gedanken heraus alle Tabletten auf einmal nahm. Doch mehr als fünf der weißen, bitteren Presslinge würden ihren Tod bedeuten. Und so war er ihre Sicherheit am Leben zu bleiben. Gefühlt vergingen für ihn Jahre, bevor er beschloss endlich aufzustehen. Er sah sie an, wie hübsch sie doch war, wenn sie schlief. „Schlaf gut, mein Herz.“ Mit leerem Blick verließ er das Bad und machte das Licht darin aus. Auf dem Weg in sein Bett seufzte er tief. In ein paar Stunden, wenn die Sonne aufging, würde er aufräumen müssen.

 

widzę cię

*

Und in einem wirren Wald voller Ideen trafen wir uns, erkannten einander und wollten nicht versäumen, zu glauben, was wir uns insgeheim immer erhofften. Still war es um uns herum und nur eine einzige Melodie hallte durch die Weiten, schmückte die Luft mit kleinhellen Lichtern, unstet blinkend zur Beständigkeit geboren. Das Eis trollte sich von unseren Füßen und die weichen Gräser wuchsen und schlossen unsere Leiber ein. Und dann, als schiene eine von hundert Sonnen unter uns, leuchtete der Ort, an dem wir standen, schützend umhüllt von Schwärze. Und Glühwürmchen schmückten in dieser Dunkelheit die Atmosphäre, getreu eines Glückbergenden Kometenschwarms weit oben über uns im Universum.

Und mehr noch ließ die Begegnung unsere Organismen wie wild vor Verzückung tanzen, hob und senkte unsere Brustkörbe durch sehnsuchtsvollen Atemzügen. Gleich flatterhafter Wesen berührten sich unsere Fingerspitzen, ertasteten schlussendlich, was wir im Innern schon lange vom anderen wussten. Und die Angst der Nähe zierte sich schmählich und zerfloss zu Staub unter dem Gespräch, das unsere Blicke miteinander begannen. Ohne ein Wort tauschten unsere Lächeln Leben und die daraus resultierende Geschichten. Und unsere Herzen nickten voller Verständnis und verstanden. So lang hatten wir warten müssen, um uns nicht mehr uns selbst überlassen zu fühlen. Die Farben eines Regenringes durchstieß unsere Körper und füllte sie mit Demut. Und dann hielten wir an den Händen und sahen einander an und Nichts auf der Welt entsprach größerer Wahrheit, als dieser Moment, in dem wir miteinander in uns weilen. 

 

Widzę cię.

 

cirque

Und da war dieser schöne Junge. Ich sah ihn das erste Mal, als der Zirkus seine Zelte aufschlug und er mit den anderen Wanderern die schweren Pfähle aufstellte. Dieser Zirkus war neu, ich hatte ihn zuvor niemals gesehen und er schlug seine Manege am Rande der Stadt auf. Wir Mädchen waren dann immer ganz aufgeregt. Es war Sommer und unser Haar war mit Gänseblümchenkronen geschmückt. Wir waren jung und unbeschwert, trugen das Bild der Liebe in unseren Herzen und spien sie schnell über unsere Zungen aus. Wir waren zu jung, um Sehnsucht zu kennen und zu einfältig um zu wissen, was es bedeutet, wenn man verletzt wird. Doch in diesem Sommer lernte ich beides kennen. In diesem Sommer lernte ich viel.

Es war wie ein Kurzurlaub, wenn man sich diese drei Wochen, in denen Schausteller blieben, dort tummelte. Wir riefen ihnen zu, spielten mit den Blüten, die wir zuvor gepflückt hatten. Die jungen Burschen kamen zu uns gelaufen, schickten sich an uns gefallen zu wollen. Doch er kam nie. Die Mädchen schwärmten von seiner Statur, seinen blauen Augen, fragten die anderen jungen Männer nach seinem Namen „Das ist Leon. Der redet nicht viel. Aber was wollt ihr mit ihm, wenn ihr uns haben könnt.“ Ich beobachtete Leon weiterhin, wie ihm die goldenen Locken in die Stirn fielen, wenn er den Schweinen Wasser in den Trog kippte. Auf seiner weißen Haut glänzten feuchtnasse Perlen der Arbeit, wie auf einem zarten Grashalm der Tau, welcher sich morgens darauf niederlegte. Seine Augen verrieten oft, dass er mich wahrnahm, doch wagte er nie einen Schritt auf mich zu. Bis er eines lauen Abends plötzlich neben mir stand und meine Hand nahm, während wir Mädchen uns über die Späße der anderen amüsierten. Er zog mich fort, durch die Böschung und zu mir flüsterte „Ich muss dir was zeigen.“ Ich ging ohne Angst in mir mit ihm.

Der Mond hing schwer wie ein Wasser befüllter Ballon am dämmernd dunkelblauen Himmel und schlug sein Licht über den Fluss, der am Ende unseres Weges vor uns lag. Große Bäume, alt wie der Fluss selbst, standen am Wasser und raunten ein Lied, das ich bis dahin noch nie gehört hatte. „Setz’ dich, gleich kommen sie.“ Ich ließ mich nieder, aus Neugier und mehr noch aus Zuneigung zu ihm. Er bedeutete mir ganz ruhig zu sein, damit wir sie nicht verscheuchen würden. Und dann zeigten sie sich. Zwei Rehkitze, entlaufen aus der Obhut der Mutter. Ich hatte nie etwas schöneres gesehen. Er nahm abermals meine Hand und beugte sich ganz dicht zu mir „Sie kommen jeden Abend hier her. Als würden sie glauben, ihre Mutter hier zu finden.“ Ich drehte meinen Kopf zu ihm. Das verbleibende Licht der Nacht spiegele sich in seiner Haut und malte ihm seine Seele auf das Antlitz. Wir sahen uns in die Augen und ich dachte immer, es sei gelogen, wenn die Leute sagten, dass die Zeit stehen blieb, wenn man Jemandes Innern so nah sei, doch in diesem Moment wurde ich eines besseren belehrt.

Es knackte im Unterholz, die Kitze schreckten auf, gleich wie wir und aus dem Dunkeln kamen Mädchen und Jungen heraus gestürzt, um uns zu erschrecken. Dann zogen sie an uns, wobei wir einander immer noch anstarrten. Die Mädchen liefen mit mir im Arm fort zu unseren Eltern mit der Begründung, es wäre schon viel zu spät, um dort noch zu verharren. Auf dem Weg nach Haus konnte ich an nichts anderes als an sein Gesicht denken. Wie es da so vor mir war und wie seine Augen fast zu mir sprachen. Ich versuchte diesen Gedanken abzuschütteln und dennoch konnte ich nicht schlafen in dieser Nacht. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder. Er wirkte noch hübscher und wertvoller, als am Abend davor. Wir warfen uns Blicke zu und am Abend verschwanden wir zum Fluss, um die Rehe zu beobachten. Wir sprachen die Welt schön und einander noch schöner, hielten das Herz des anderen und verweilten in der Wärme. Irgendwann bemerkte ich Blessuren an seinen Armen und Beinen. Er sagte mir, dass sein Vater ihn schlug, wenn er nicht ordnungsgemäß arbeitete. Ich hielt ihn, strich ihm über den Kopf, um seine Sorgen und die Wut fort zu schicken. Doch oft ließ sie sich nicht fort bewegen, blieb dort in ihm sitzen und verdunkelte seine Züge. Dennoch ließ ich nicht nach, versuchte es immer wieder.

Einen Abend jedoch kam er mit Blutverschmiertem Gesicht zu mir und ließ sich zu meinen Füßen fallen „Ich halte das nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr.“ Ich kniete mich vor ihn, fühlte nach seinem Gesicht und hielt es dann in meinen Händen, um ihm in die Augen zu sehen „Was können wir tun?“ Er umschlang meine Taille, wobei ich nach das Gleichgewicht verlor und nach hinten kippte. Er vergrub sein Gesicht in meinem Schoß, sodass sein Blut an meinem Kleid kleben blieb. Lange verharrten wir in dieser Position, bis sich sein Griff etwas lockerte und er sich aufrichtete. Er sah mir direkt in die Augen „Geht fort mit mir. Wir können weggehen und durch die Welt ziehen.“ Ich blickte ihn an „Wie stellst du dir das vor? Wir sind zu jung, um einfach wegzugehen.“ Sein Blick verzog sich und langsam glitt dieser zu Boden. „Aber…aber ich dachte wir fühlen gleich. Ich dachte wir denken und fühlen gleich.“ Meine Hände griffen nach seinen, die er weg zog, als sich unsere Haut berührte „Ich fühle wie du, aber ich kann nicht weg gehen. Ich kann nicht.“ Er stand auf und sah zu mir hinab „Ich dachte, wir sind gleich. Aber das wir wohl doch nicht.“ Und dann ging er, ohne sich um zudrehen und ließ mich mit Tränennassen Augen zurück.

Am nächsten Tag ging ich mit Bleischweren Glieder zum Rand der Stadt, mein Herz zum Zerbersten voll mit Schuldgefühlen. Die Schausteller begannen abzubauen und meine Augen suchten nach Leon. Aber er war auf dem Platz unauffindbar. Ich fragte jeden der dort war, ob er ihn gesehen haben könnte. Aber immer nur wurde der Kopf geschüttelte und langsam wuchs eine quälende Gewissheit in mir heran. Sie trieb mich eiligen Fußes durch die Böschung, wobei mein Leibchen halb zerriss und sich die Dorne der Ranken Blutheischend in meiner Haut verewigten. Und dann kam ich zum Fluss und sah ihn. Er hing dort, wo die Rehe jede Nacht standen und auf ihre Mutter warteten. Er hing dort an einem Strick, als wartete auch er. Darauf, dass ihn jemand retten würde. Heiß schoss mir flüssiges Salz über die Lider und ich lief zum Ufer, um in das eisige Wasser zu steigen, hindurch zu waten und zu ihm zu gelangen. Ich stürzte, schlug mir die Knie auf, aber all das war mir egal. Als ich vor ihm stand, sackte ich nieder und berührte seine nackten, kalten Füße, die vor mir hingen. Und er war fort. Ich hatte so sehr gehofft, dass wir noch einmal reden könnten. Dass er nicht einfach mit dem Zirkus weiter zog. Aber es war nichts da, das ihn halten konnte. Ich war nur eine Hülle, in die er all seinen Glauben gepackt hatte, in dem all seine Besonnenheit und all seine Träume einen Hort der Zuflucht fanden. Und ich, die Hülle, zerstieß mich selbst. Aus Angst. Und so ging er. Und ließ mich mit dem Schmerz zurück. Und mit der Erkenntnis nicht genug gewesen zu sein, nicht das gewesen zu sein, was er für mich war. Ein Grund weiter zu machen.

Mehr als er, bedeutete mir nie wieder jemand etwas. In diesem Sommer verlor ich etwas. Ich verlor meine Unschuld. Die Unschuld zu glauben, es würde immer alles gut werden. In diesem Sommer lernte ich viel.

black snow

Sie glitt in die Nacht, hinter ihr ein tosendes Geheul aus Gesängen und Geschrei. Sie schloss die Augen, um sich von den nur teils melodischen Wellen davon schieben zu lassen. Die mitternächtliche Luft umschmeichelte ihr Gesicht, presste sich dicht an ihren Leib. Ihr Leinenumspannter Körper streckte sich unnatürlich, als sie sich fortbewegte. Ihre Schultern drückten sich wie von selbst zum Rückgrat hin und alle Muskeln der Länge des Armes nach spannten sich, während die Ellenbogen etwas einknickten. Die Hände krampfte sie zu Krallenartigen Gebilden und ihr Blick schob die Lider weit auseinander. Glimmend stachen ihre weiten, purpurumringten Pupillen in die Umgebung. Schwarzbesetze Bäume umflogen sie bei ihren Schritten und wisperten ihr Sorgnis entgegen. Der grünblühende Boden schmiegte einen weichen Flor an ihre zarte Haut und benetzte diese mit noch morgendlichem Tau. Sie schwieg und richtete ihr Gesicht zum sich rubingebärdenden Himmel. Goldene Zirren, darin verworren und weit entfernt, bildeten schützende Sphären, in welche sie gern geflüchtet wäre. Doch das Gekreische blieb und trieb sie stärker. Sie schlug die Hände auf die Ohren, doch die Stimmen bohrten sich wie Metalldorne in ihre Schläfen, rissen daran und trennten die letzten verbleibenden Nerven von der Realität.

Nives wachte schweißgebadet und schreiend auf. Wieder einmal träumte sie diese Absurdität. Sie setzte sich auf und ließ ihren Blick über die anderen Betten des Zimmers streifen. Die kleinen Leiber hoben und senkten sich leicht, jeder in seinem eigenen Rhythmus. Sie hatte die Winzlinge nicht geweckt. Sie atmete aus und entspannte sich ein wenig, während sie aufstand, sich die Schweißperlen von der Stirn wischte und leise zur Tür tapste. Sie wollte in die Küche, ihr Rachen fühlte sich an, als wären ihre Schleimhäute innerhalb kürzester Zeit verendet. Sie goss sich ein Glas Leitungswasser ein, als sie ein Atmen vernahm und sich plötzlich umdrehte. „Na, Nives. Kannst du wieder nicht schlafen?“ lächelte Schwester Dolores mitfühlend das noch junge Mädchen an. „Ich habe wieder vom Wald geträumt.“ senkte Nives den Kopf. „Ist es, weil deine Mutter Morgen her kommt?“ , Nives strich ihr pechschwarzes Haar aus dem Gesicht, presste die Augenlider aufeinander „Stiefmutter!“ und verließ eilig die Küche, das Glas zum zerbersten fest in der Hand haltend. Sie legte sich wieder in ihr Bett, schloss die Augen und döste langsam wieder ein „Stiefmutter.“

Sie hasste es, wenn man ihre Stiefmutter für ihre leibliche Mutter hielt oder diese auch nur derart betitelte. Dann zog sich alles zusammen und Nives dachte unwillkürlich an ihren Vater, der früh an einem Herzinfarkt verstorben war und sie bei dieser Frau zurück ließ. Dieses Biest, deren eigenes Äußeres und die Liebhaber, welche sie nach dem Tod ihres dritten Ehemannes hatte, weitaus mehr interessierten, als für Nives. Das ging soweit, dass sie Nives einmal anschrie, sie solle in ihr Zimmer gehen, als ein Mann zu Besuch war und sagte, was Sie doch für ein unglaublich hübsches Mädchen war. Danach war es für Nives noch unerträglicher; sie wurde von der Stiefmutter gequält, wo auch immer es ging. Sie schloss Nives weg, wenn ihre Liebhaber sie besuchten; sie wollte nicht, dass auch nur einer der Männer das Mädchen hübscher fand als sie. An einem Abend verabschiedete sich einer der Männer, mit der Absicht nicht wieder zukehren. Das erzürnte die Stiefmutter dermaßen, dass sie brasig die Tür zu Nives’ Zimmer aufstieß und begann das Mobiliar zu zerlegen. Dabei schmiss sie wahllos Dinge nach Nives. Als sie sich ihrem Zorn entledigt hatte, ging die Stiefmutter und mahnte sie, nicht aus dem Zimmer zu kommen, sonst würde sie das nicht überleben.

Nives starrte in die Dunkelheit des angerichteten Chaos. Sie konnte nicht mehr. Die Stimmungsschwankungen dieser Frau ertrug sie nicht länger. Eilig packte sie ein paar Sachen zusammen und verließ die Wohnung, nachdem sie sicher gegangen war, dass die Hexe schlief. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte, also stampfte sie los. Sie wohnte am Stadtrand und musste den Wald durchqueren, um zu den nächstgelegenen Häusern zu gelangen. Es war kalt und es fröstelte sie, als sie durch den Wald lief, der sich tief in ihr Gedächtnis brannte, stockduster und voll von unheimlichen Geräuschen. Mit Tränen in den Augen stand sie dann vor dem ersten Haus, das hinter dem Wald lag. Es war mitten in der Nacht, doch das ältere Ehepaar nahm Nives erst einmal für den Rest dieser zu sich. Am nächsten Tag ging die Frau mit ihr zur Polizei und nachdem sich Nives auf dem Revier mit einem Wutanfall strikt dagegen wehrte zu ihrer Stiefmutter zurück zu kehren, brachte man sie vorübergehend erst einmal in ein Kinderheim unter. Dort war sie nun seit drei Wochen und teilte sich mit sieben Kindern ein Zimmer. Die Fülle an Leben, ließ sie seit langen wieder ruhig einschlafen. Anfangs träumte sie noch oft von den schwarzen Bäumen im Wald und einem roten Himmeln, der sich darüber spannte, sodass sie so gut wie nie durchschlief. Doch auch das legte sich, bis zu dem Tag, als sie erfuhr, dass sie zurück zu der Stiefmutter müsse.

Und dann am nächsten Tag nach der letzten albtraumgeplagten Nacht stand sie da, mit all ihrem Hass Nives gegenüber und musste sie mitnehmen. Und in Hoffnungslosigkeit ertrinkend ging Nives in das Zimmer und packte ihre Sachen. Diesmal trug sie ihre Habseligkeiten sehr langsam und sorgfältig zusammen. Die Kinder, welche mit ihr im Zimmer schliefen, mit ihr ein wenig Leben teilten, das sie gern länger gelebt hätte, umringten sie vereinzelt und wollten sich verabschieden. Die Kleinsten unter ihnen verstanden nicht, dass Nives wahrscheinlich erst einmal nicht wiederkommen würde. Als sie dann aus der Tür ging, packte sie die Stiefmutter am Handgelenk und zog sie aus dem Gebäude. „So meine Kleine. Dann müssen wir uns wohl arrangieren. Du bist zu alt, um in einem Kinderheim unterzukommen. Ich bin nicht vernachlässigend genug, damit sie dich behalten. Ich werde mir nicht nachsagen lassen, dass ich dich Göre nicht händeln konnte.“ donnerte es zu Nives, die aus dem Fenster des fahrenden Autos blickte und versuchte innerlich zu flüchten. Zuhause angekommen, schlug die Stiefmutter vor, sich darüber zu unterhalten, wie sie jetzt miteinander auskommen sollten. Nives war irritiert, blickte sie misstrauisch an und setzte sich dennoch auf das Sofa. Die Stiefmutter setzte ein leichtes Lächeln auf „Möchtest du einen Tee?“ Das Mädchen sah sie an und biss sich kurz auf die blutroten Lippen „Wenn Apfeltee da ist, nehme ich welchen.“ Die Hexe nickte und begab sich in die Küche.

Als sie wieder kam, gab sie Nives die Tasse mit dem noch dampfenden Tee. Sie pustete vorsichtig und nippte daran. Der Apfelgeschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus und glitt den Rachen hinab. Die Stiefmutter sah sie an, beobachtete sie regelrecht, während Nives ihren Tee weiter trank. Die seltsame, geschmackliche Nuance im Abgang bemerkte sie erst später. „Nun, mein Kind. Ich werde jetzt eine Weile verreisen. Da du vierzehn und damit alt genug bist, um allein zu bleiben, kann ich dich guten Gewissens hier lassen. Es konnte doch keiner ahnen, dass es dich so sehr verstörte, als dein Vater starb.“ sie zog ein Fläschchen aus ihrer Rocktasche, stellte es auf den Tisch und lächelte, als Nives erkannte was dies für ein Medikament war. Es waren die Herztropfen des Vaters, die unauffindbar waren, als er unter Nives Händen mit dem Tode rang. „Hätte ich gewusst, dass du derart zerbrechlich und gefährdet bist, hätte ich dich doch niemals allein gelassen.“ sprach die Stiefmutter weiter, als sie ihre Sachen zusammen sammelte. Nives Augen wurden schwer, es drehte sich alles. „Du wirst vermutlich gleich erbrechen und daran ersticken. Aber keine Angst, es wird nicht weh tun, denn vorher wirst du ohnmächtig. Also dann.“ Nives Blick folgte ihr aus dem Zimmer, bevor ihre Augen zufielen.

Sie glitt in die Nacht, hinter ihr Stille. Sie schloss die Augen, um sich von der Ruhe treiben zu lassen. Die mitternächtliche Luft umschmeichelte ihr Gesicht, presste sich dicht an ihren Leib. Ihr Leinenumspannter Körper entspannte sich allmählich, als sie sich fortbewegte. Sanft blickte sie mit purpurner Iris in die Umgebung. Schwarzglitzernde Bäume umflogen sie bei ihren Schritten und flüsterten ihr Wohlwollen entgegen. Sie tappste durch den warmen, schwarzen Schnee, der gefallen war, und ihre blassen Füße hinterließen helle Spuren darin zurück. Sie atmete bewusst und richtete ihr Gesicht zum zartgelben Himmel. Goldene Zirren sponnen sich daraus in ihr langes Haar. Und es eröffneten sich Sphären.

 

passion

Wir, die Kinder des Zorns und der Leidenschaft, wir brennen. Wir haben uns gegenseitig angesteckt, um zu sehen, wer von uns beiden zuerst verschmort. Erst legten wir nur Feuer im Kopf des anderen, dann aber zündelte es schnell in die Mitte unserer Körper. Dort loderte es vor sich hin, glimmte solang bis wir den Rauch auch außerhalb wahrnahmen. Angestrengt versuchten wir die Rußgrauen Schwaden zu verheimlichen; vor uns selbst und einander. Doch wenn man sich selbst belügt, verliert man immer ein wenig Würde. Ich verlor meine schneller als du die deine, denn ich bemühte mich so langsam wie du zu verglühen, was mir nicht gelang. Ich war die erste, die Feuer fing und ich würde auch die erste sein, die als Asche enden würde. Dieser Gedanke machte mir Angst. Ich konnte das nicht zulassen. Ich musste etwas unternehmen.

So entschied ich mich, dich zu töten. Es ist ganz leicht, wenn man sich erst einmal schön geredet hat, dass man diesem Schutz bedarf. Man nimmt ein Messer und drückt die kühle Klinge in die Haut. Die Muskeln und das Fett zu durchtrennen ist noch relativ leicht. Es kann sein, dass man auf eine Rippe stößt, aber dann dreht man das Messer ein wenig und kann daran vorbei schneiden. Dann, wenn man einen etwas stärkeren Widerstand spürt, ist man beim Herzen angelangt. Jetzt ist es wichtig die Bewegung schneller auszuführen, um es zu durchstoßen. Und dann wartet man. Man blickt in das Gesicht des Opfers und sieht alle Emotionen, zu der dieses in der Lage ist. Zuerst ist es Wut, die sich zeigt, unbändig und noch voller Leben. Sie droht dich in Brand zu setzen, peitscht wild auf dich ein, um rückgängig zu machen, was geschehen ist. Sie lodert noch eine Weile bis sie der Enttäuschung weicht. Diese ist nicht so gewaltig und kommt eher auf leisen Sohlen daher. In ihr pulsieren Vorwürfe, die zu Recht ausgespien werden. Sie packt dich am Brustkorb und krallt sich hinein, kratzt still tiefe Wunden in deine Haut. Du merkst es nicht, aber unter dem Blut, das aus deinem Fleisch stürzt, werden Narben entstehen. Und wenn sie flieht, um nicht mehr in dein Gesicht schauen zu müssen, taucht die Trauer auf und legt alles lahm. Selbst dich. Ganz taub und dröge erscheint alles. Langsam und verzerrt bleibt sie lange dort zwischen euch, verwischt die Realität. Plötzlich ist da nichts mehr. Alle Gefühle verbraucht innerhalb kurzer Zeit. Blind und stumm starrt man einander an. Und dann stirbst du. Und ich führte die Waffe.

Es heißt, man muss zuerst sich selbst vergeben, bevor es andere tun. So sitze ich neben deinem Leichnam und warte darauf, mir selbst zu vergeben.

mein leid ist dein leid

„Dreikreuzwege.“ brummte Adam, blickte zu Nele und fühlte nach ihrer Hand. Sie sah blind zu Boden, während ihre Hand weder flüchtete, noch seiner auf halbem Wege entgegen kam. „Es ist soweit, meine Liebste.“ rückte er näher; so nah bis sie seinen Atem auf ihrem Gesicht wahrnahm. Ihre Haut glühte derb unter ihren Augen und das Salzwasser, das darin entstand und der Schwerkraft folgte, erlosch augenblicklich, nachdem es sich über die Wimpern gewagt hatte. „Du hast es versprochen.“ Darauf hin nickte sie mit schwerem Kopf und ging noch einmal die Abfolge durch, über die sie damals geredet hatten. Und dann öffnete er die Hand und den Mund, legte seine Entscheidung hinein und trank das Wasser und wiederholte diesen Akt, bis nichts mehr da war. Anschließend legte er sich auf die Seite, sodass die Leber schnell bekam, was sie nicht begehrte und bettete seinen Kopf in ihrem Schoß, schloss die Augen und wartete.

Adam war es Leid in dem zu leben, was ihm gegeben wurde. Denn tief in ihm gab es einen Abgrund, der viel zu früh aufbrach und dessen Schwärze ihn hinab sog. Er stelzte unentwegt an den kantigen Felsen der Vergänglichkeit und sah hinauf in seinen Alltag. Von ganz unten. Vom Grund, auf dem er speiste und auf dem er zitternd lag und versuchte zu schlafen, ohne jemals ein Augen zu zumachen. Und dann fiel ein Seil. Fiel ihm direkt auf den Kopf und Stimmen begannen zu rufen. Von oben. Sie riefen, dass er das Seil nehmen solle. Er sah es sich an und dachte, es wäre nicht stabil genug ihn zu tragen. Irgendwann jedoch zupfte er daran. Zupfte daran, um es dann in die Hände zu nehmen und daran zu ziehen. Als er merkte, dass es wohl halten würde, schlang er es um sich und band es fest. Dann rief er. Rief, dass er nun bereit sei. Und so zog man oben und er strampelte unten. Seine Füße glitten nackt über die eisigen Steinstücken, welche tiefe Eindrücke auf und Risse in seiner Haut hinterließen. Rastlos, rasend, angstdurchtränkt kam er dem Oben immer näher. Bis er die abschüssigen Klippen erreichte und dort verweilte, nur eine Weile, um Luft zu holen, bis er schlussendlich hinauf auf den festen Boden griff und sich auf ihn legte. Und nach einer Zeit stand er auf und ging weg. verließ den Abgrund, der ihn so lang in sich barg. Bis er kurze Zeit später wieder hinein stürzte.

Doch irgendwann stürzte Adam nicht mehr. Er konnte gar nicht so recht sagen, woran das lag. Er wusste nur, dass er all das vergaß. Er vergaß den kalten Boden, vergaß den Abgrund, das Seil. Was er jedoch nie vergaß waren die Stimmen, die ihn gerufen hatten, als er da so vegetierte. Er vergaß, weil er vergessen musste. Zu hell blühte der Himmel über seinem Scheitel, zu farbig schienen die Gedanken um ihn herum und zu gut duftete der Tag in all seinen Facetten. Das Leben verdrängte den Feldweg zur Tiefe, verdrängte das Bewusstsein, dass es einen Feldweg gab und verdrängte, dass dieser genutzt werden wollte. Der Pfad wich anderen, schöneren Bildern in seinem Kopf; er wich der Idee sesshaft und im Innern ruhend zu sein. Das Leben vielleicht zu genießen. Und so ließ er Menschen in dieses Leben; ließ sie hinein und bat sie zu bleiben. Nele bat er auch. Er bat sie, da kannten sie sich noch nicht lange. Sie sagte, dass sie bleiben wird. Das erfüllte ihn, wie noch nichts zuvor. Sie begannen ihre Leben miteinander zu verweben.

Doch nichts ist so beständig wie das Elend und das Leid; und so geschah es, dass sich Adam plötzlich wieder auf dem Weg im Feld befand und ihn entlang ging, um erneut hinab zu stürzen. Doch bei dieses Mal war Nele dabei, sah wie er fiel und einfach liegen blieb. Sie saß bei ihm, am Rand zur Tiefe, gab ihm Nahrung und schickte ihm farbig schöne Worte in die Dunkelheit. Und nachdem ihr Mut langsam durch die staubigen Rillen an der Kante seiner Gruft rieselte, fing er plötzlich an zu sprechen. Er redete über alles, um ihr ein Bild zu ermöglichen, das sie bis dahin noch nicht kannte. Behutsam näherte sie sich diesem und wollte ihn, ob seiner Dünnhäutigkeit, nicht überreizen. Er bat sie zu verstehen und sie versuchte es. Er erzählte ihr von der Idee all das zu beenden, er könne nicht mehr. Er konnte nicht mehr stürzen und wieder hinauf klettern. Zu viele Blessuren zierten seinen Geist. Und obwohl sie die Schwere selbst kaum kannte, konnte sie nachvollziehen, was ihn zu dieser Endgültigkeit trieb. Das reichte ihm, um zu wissen, mit dem Äußern dieses Gedankens keine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Und er dachte nach, ob er es wagen dürfte, einen Traum zu äußern, den er schon ewig in sich trug. So schloss er die Augen und fragte leise mit zittriger Stimme, während er am Grund des Bodens hockte „Wenn ich es täte, würdest du bei mir bleiben und mich halten?“

Es war ein wunderwarmer Abend inmitten des Jahres, als er beschloss, dass es nun soweit sein würde. Erneut fühlte er den Pfad unter seinen Füßen, während beide am Tisch saßen und einander an den Händen hielten. Nele wusste, dass sie es bereuen würde, wenn sie ihm jetzt half. Aber sie fühlte, dass es richtig war. Er glitt davon. Mit jedem Fall, glitt er aus ihrer Welt und der der anderen. Sie stand auf und ging in die Küche, um das Glas mit den gesammelten Tabletten und etwas Wasser zu holen. Es war weit über eine tödliche Dosis im Gefäß und ihr Herz wurde mit jedem Schritt, den sie auf den Balkon zu ging, schwerer. Dort wartete Adam auf sie. Er lächelte zaghaft. Er wusste genau, was er ihr auf bürdete. Aber die Angst war größer. Sie war so groß, dass er bereit war ihre Seele zu opfern. „Dreikreuzwege.“ brummte er, während sie sich setzte. Dies war das Wort, das sie vereinbart hatten, wonach es, wenn es erst einmal ausgesprochen war, kein Zurück mehr gab. Beim Klang seiner Stimme durchfuhr Nele Eiseskälte, die sich in ihre Organe grub. Sich setzend gab sie ihm sein letztes Mahl und wartete, bis er seinen Kopf in ihren Schoß legte. Sie strich ihm über Gesicht und Kopf; sie sah in den Himmel. Einen so schönen Himmel hatte sie selten gesehen. Es vergingen Stunden bis Adams Atem flacher wurde und er auf Neles Bewegungen nicht mehr reagierte. Sie fühlte seinen Puls, spürte die Wärme aus ihm dringen, sie hielt seinen Körper, der langsam starb. Als die Dämmerung herein brach, sah sie zu ihm hinab und fühlte ein letztes Mal nach seinem Herzen. Es schlug nicht mehr. Die Zeit verschwand.

Und als sie wieder Stunden später aufstand, fühlte sie Sand unter ihren Füßen und Gräser, die ihre Fußgelenke kitzelten. Und sie sah, was er sah. Und dann ergriff sie etwas und schubste sie über den Rand des Abgrundes. Und dann fiel sie.

 

 

permanenz und wandel

Janus saß vor dem Fenster und schaute in die farbige Welt. Eigentlich war es nicht anders zu erwarten gewesen. Es zeichnete sich in anderen Begebenheiten der Vergangenheit ab. Damals als er noch ein Kind war, musste er ständig zum Arzt, aufgrund seiner allergischen Erkrankung. Er bekam in bestimmten Zeiträumen Spritzen, um diese körperlichen Reaktionen gegen die Natur zu desensibilisieren. Damals störte ihn das noch wenig; er kannte es nicht anders. Irgendwann, am Ende seiner organischen Kindheit, sagte man ihm nach jeder Tortur des punktuellen Schmerzes und der darauffolgenden endlosen Wartezeit, dass es nun nicht mehr nötig sein würde, sich erneut diesem Akt des Schutzes unterwerfen zu müssen. Doch nie war es eine beständige Wahrheit, denn hie und da stellte sein Arzt fest, dass es nun wieder an der Zeit war, sich in seine Praxis zu begeben, um den Heuschnupfen zu bekämpfen. Mit vierzehn war er dem dann überdrüssig. Er holte damals das Paket mit den Ampullen ab und lagerte es im Kühlschrank seines Elternhauses ein. Als es an der Zeit war mit der Fracht in die Praxis zu gehen, sah er auf dieses kleine quaderne Stück Packung und setzte sich in Bewegung. Er ging damit zum Fenster und schmiss jede einzelne Ampulle hinab. Beim Zerplatzen jedes einzelnen befüllten Glaskokons fühlte er sich etwas besser. Seine Nase juckte und die Augen trieften, doch er fühlte sich besser. Er dachte nie wieder an seine Allergien oder daran sie heilen zu müssen. 

Davon hätte er es ableiten können. Er hätte ableiten können, dass, so wie die Allergien niemals verschwunden sind, obwohl er sie ins Vergessen verbannte, auch die innere Schwere nie verschwinden würde. Krankheiten verschwinden nicht einfach, denkt er. Sie bleiben. Jedenfalls in seinen Gedanken ist das so. Er kann die Erkrankungen akzeptieren, lernen mit ihnen umzugehen, sie verfluchen und annehmen. Doch sie bleiben, denkt er. Auch die, deren Ursprünge im Ungleichgewicht von körpereigenen Wirkstoffen im Gehirn liegen. Er fühlte sich unglaublich dumm, da er dachte, es wäre jetzt endlich vorbei. Erinnerungen drängten sich in die farbige Welt, die vor ihm erblühte. Daran, als er das erste Mal die Klinge, ob dieser Schwere in ihm, die ihn von Zeit zu Zeit überfiel, im Keller seines Elternhauses ansetzte. Er war so unbeholfen. Und er hatte Angst vor dem Schmerz. Man denkt sich das gar nicht, dass da auch noch Angst in dem Wust an Hass und Schmerz ist. Aber sie war da. Sie stand vor ihm und bat ihn die Rasierklinge niederzulegen. Wütend darüber, setzte er rebellisch zum Schnitt an. Und verfehlte, was er zerschneiden wollte. Es blutete stark, doch nicht in den Intervallen, wie es hätte bluten müssen. Unter Schock starrte er auf das verletzte Stück Haut und sah die Blutperlen darauf tanzen. Er lächelte. Wie schön es ihm erschien. Von da an machte er damit weiter, in anderer Absicht. Es gestaltete sich zum Ventil, wenn der Druck von Außen und Innen zu groß wurde. Er setzte sich dann in den Keller, Verbandszeug und Klinge bereit, und schnitt. Die Wohltat, welche dieses Szenario auslöste, berauschte ihn. Keine Droge, die er später zu sich nahm, war derart ekstatisch und intensiv; nichts war vergleichbar mit der Wirkung, den Druck aus ihm heraus zu lassen, um Platz für das Gefühl von Leben zu machen.

Sehr jung begannen die Therapien. Seine Mutter bemerkte die sorgsam verdeckten, selbst beigebrachten Makel an seinem Körper. Sie versuchte alles, ihn dazu zu bewegen, es zu lassen. Doch kein Fluchen, kein Flehen, weder Belohnung, noch Bestrafung hielten ihn davon ab. Sie war machtlos. So wie er auch. So schickte sie Janus zu seiner ersten Sitzung. Zu fremden Augen und Ohren, einem Block und einem Stift. Einem Verstand, der im Grunde nicht verstehen konnte. Einer, der begriff, aber nicht in der Lage war zu helfen. Ein Jahr lang quälte er sich und seinen Therapeuten, mit finsteren Gedanken und haltlosen Worten. Dieser gestand ihm schließlich, dass er in einer anderen Praxis besser aufgehoben wäre, da ihm ein so schwerer Fall als Kindertherapeut nie begegnet sei. Janus verabschiedete sich. Es war ihm egal, ob der er ihm helfen konnte oder nicht. Es folgten Klinikaufenthalte, das Abitur, welches er trotz der Umstände absolvierte, Psychiatrieaufenthalte, der Anfang eines Studiums, Nervenzusammenbrüche, Kliniken. Aber dann erschöpfte sich alles. Er fand zu einer Therapeutin, die etwas in ihm sah. Und das gab ihm etwas, von dem er nicht wusste, dass es da war. Neun Jahre blieb er in ihrer Obhut über seine Seele. Er saugte alles in sich hinein, was sie sagte, lernte sich selbst besser zu sehen und anzunehmen. Und am Ende funktionierte es. Die Bäume blühten nun seit einem Jahr für ihn. Er wusste, dass es endlich vorbei sei. Da war ein inneres Vertrauen, das er nicht beschreiben konnte und dennoch wusste, dass es da war. Er lebte endlich nicht mehr im Abgrund und fürchtete auch nicht mehr die Gefahr hinein zu gleiten.

Bis zu einem Tag, der mit Sonne gefüllt, ins Leben einlud. Janus lief und da war sie wieder: die bleierne Schwere. Zuerst ignorierte er sie, versuchte ihr Existenz zu negieren. Doch im Laufe des Vormittags war sie so deutlich, dass sich die Erkenntnis über sie nicht mehr vermeiden ließ. Sie zog an seinen Armen und Beinen, ließ ihn schwer atmen und vergessen, was sich an wunderbaren Gedanken in seinem Kopf tummelte. So setzte er sich ins Licht und blieb. So wie sie geblieben war, versteckt zwischen all den Argumenten und Gefühlen, die für das Leben sprachen. Und so saß er und es wurde dunkel um und in ihm, als er träge über diese Tatsache lächelte. Es war absurd. Er hatte alles getan, um zu leben, sich zu integrieren, um zurecht zu kommen. Doch es war nichts wert. Er ging nach Hause und dort blieb er weiter. Tagelang blieb er und fühlte nach, ob er fühlen konnte. Doch auch das war wieder vergangen: Gefühl. Er konnte lächeln und sehen, lachen und sprechen. Doch fühlen konnte er nichts. Und da ging ihm auf, dass es immer so sein würde und dass er seinem infantilen Wunsch, es möge doch endlich vorbei sein, unterlegen war. Und vor ihm lag das Wissen, dass es wieder dauern würde, bis er sich aufrappelte; dass er sich wieder neu orientieren und der Welt erklären werde müssen. Und obwohl er nichts fühlte, hasste er es. Dieses zurückspulen und wieder zum Anfang zurück gehen. Zu oft musste er wieder zum Anfang zurück. Doch er war satt. Er wollte es nicht mehr und er wollte nicht akzeptieren, dass es immer so sein würde.

Und so saß er am Fenster und schaute in die farbige Welt. Vor ihm auf dem Sims lag eine Rasierklinge, jedoch kein Verbandszeug. Das brauchte er dieses Mal nicht. Dieses eine letztes Mal. Ein tiefer Schnitt. Es würde ihn keiner finden bis es vorüber war, das Leben. Er wohnte allein und seine Freunde waren es gewohnt, dass er ab und an ein paar Tage nicht auftauchte. Er sah sich das Grün der Bäume an, welches sich schimmernd in seinen Augen spiegelte. Reflexhaft griff er zur Klinge und setzte das kalte, dünne Metall auf die Haut seines Handgelenkes. Bewegungslos schloss er die Augen und atmete tief ein. Als er sie öffnete betrachtete er das tote Werkzeug in seiner lebendigen Hand. Sein Arm machte eine zügige Bewegung. Und als er hörte, wie die Klinge auf der Straße unten vor seinem Fenster klirrend aufschlug, fühlte er sich besser.

cor meum

Der Zug setzte sich in Bewegung und Neles Kopf drehte sich unwillkürlich entgegen der Fahrtrichtung, da ihr Blick an den kleinen, schwarzen Strichsoldaten der Bahnhofsuhr haften blieb. Gedankenverloren betastete sie den Karton, der in ihrem Schoß lag. Sie überlegte wohin sie dessen Inhalt packen könne, damit es ihr in nächster Ewigkeit nicht kaputt ging. Dabei glitt ihr Blick über die immer schneller vorbeiziehenden Landschaft. Das Grün der Baumkronen zogen stolz schlingernde Wellen über den erdenden Asphalt und die Strommasten quittierten den Fortschritt, welcher sich in dieses natürliche Bild drängte. „Hässliche Netzschnüre.“ dachte sie zerknittert, ob der Tatsache, dass sie dort nun einmal zwischen den Masten hingen. Sie hätte gern gewusst, wie es vor der Zeit des fließenden Stroms war. Zu der Zeit, als noch kein Vierradantrieb die die Städteverbindenden Straßen vollstopften. Doch für diese Zeiten war sie zu jung. Und auch war ihre Erfahrung zu jung, um gewissen Dinge zu akzeptieren. Dinge wie die Ambivalenz, die dem Menschen innewohnt oder der Egoismus, der einen unter Umständen überleben lässt. Neben diesen Dingen konnte sie auch nicht akzeptieren, dass man sein Herz vielleicht mehrmals verliert, sich häufiger verliebt und mehr als einen Partner im Leben hat. Für sie war das unlogisch. In ihre Welt passte eine solche Unverfrorenheit nicht. Und als sie Janosch kennen lernte, konnte sie das noch weniger glauben.

Janosch war ein großgewachsener Bulgare, der dort geboren, aber in Hamburg aufgewachsen war. Er war klug und belesen und imponierte damit den Mädchen um sich herum. Er konnte zuhören und nachempfinden, wenn man mit ihm seine Probleme teilte. Als Nele das merkte, war auch sie sehr verzückt. So klar hatte sie noch nie empfunden. Sie war verknallt. Und auch Janosch war ihr sehr zugetan. Sie war hübsch und ihr Interesse an den Themen, die ihn bewegten, führten dazu, dass sein Herz holpernd schneller schlug. Zarte erste Annäherungsversuche endeten in stundenlangen Gesprächen, in denen alle möglichen verborgenen Gedanken und Ideen hin und her geschoben, erweitert, erahnt und gemocht wurden. Zarte Knospen intensiver Lust, wild wuchern wollend, wuchsen in beiden heran. Fürsorglich näherten sie sich weiter an, dem Bedürfnis sich ineinander zu verheddern nachgebend. Nachdem eine ihm angemessene Zeit verstrichen war, lud er sie zu sich ein. In eine Wohnung ohne Strom. Er hatte die Rechnung nicht bezahlen können, daher erleuchteten Kerzen den Abend in diesem kleinen Zimmer, in der nur eine Matratze lag und eine Kommode stand. Sie fand das sehr romantisch. Auch, dass er seine Freiheit über Besitztümer stellte, fand sie überaus bestechend. Und während sie plauderten und er ihr dabei mit sanften Fingern über die Wirbelsäule fuhr, verliebte sie sich. Er sagte ihr, dass er sich nichts mehr wünsche, als sie glücklich zu machen und am liebsten würde er sie auffressen. Nele lächelte „Na dann mach das.“ Janosch sah sie an „Was dürfte ich denn von dir essen?“ Sie streckte sich zu seinem Ohr „Alles, was du willst. Wenn ich dafür auch etwas von dir haben darf.“ Janosch nickte, wobei sich die Haut ihrer Wangen berührte. Sie konnten nicht mehr widerstehen, sich ihrer körperlichen Zuneigung zu unterwerfen.

Erschöpft und schwer atmend lagen sie nebeneinander „Wow, das war … das war der Wahnsinn!“ schnaufte sie, während ihr Brustkorb noch nach bebte. Janosch legte sich nah neben sie und nahm ihre Hand „Hat es dir gefallen?“ Sie sah ihm in die Augen und blinzelte „Es war mein erstes Mal und ja, es hat mir sehr gefallen.“ Janosch zuckte ein wenig zurück „Warum hast du mir das nicht gesagt, Nele? Dann wäre ich doch vorsichtiger gewesen.“ Sie lächelte ihn beruhigend an „Nein. Es war perfekt so.“ Er küsste sie auf die Stirn, lang und fest, bevor sie ineinander gewoben einschliefen. In der Nacht wachte sie mehrmals auf, schlief aber immer wieder schnell und friedlich ein, sobald sie spürte das Janosch neben ihr lag, bis der Morgen anbrach. Im Morgengrauen tastete sie mit geschlossenen Augen nach seiner warmen Haut, doch fanden ihre Hände nichts. Sie hob die Lider und sah, wie er vor der Matratze saß und sie lächelnd beobachtete. Sie stütze sich auf ihre Ellenbogen und Janosch nahm die Decke zu ihren Füßen in die Hand, um sie sehr langsam zu sich zu ziehen. Dabei entblößte er ihre Schultern, dann das Dekolletee und schließlich ihre kleinen, wohlgeformten Brüste. Er kletterte zu ihr und begann diese zu liebkosen. „Spielst du ein Spiel mit mir?“ Sie schloss die Augen und roch an seinem Haar, das dicht vor ihrem Gesicht lag, während er ihren Körper küsste „Natürlich.“ Er richtete seinen Blick auf „Ich mag es, wenn man die Kontrolle über mich hat. Ich mag es gefesselt zu sein, wenn man sich an mir befriedigt.“ Nele zog einen Mundwinkel in die Höhe und nickte.

Janosch griff neben die Matratze, zog darunter eine geknüpfte Schnur hervor, legte sie auf das lakenbespannte Federschaumrechteck und sich bequem daneben. Er bat Nele ihn zu fesseln. Sie nahm das Seil und begann ihn nach seinen Anweisungen festzuschnüren. Sie verknotete seine Handgelenke, die er anschließend hinter seinen Kopf legte. Dann zog sie das Seil um seine eingeknickten Ellenbogen und band das Ende in das Geflecht, welches entstanden war. Sie betrachtete ihn. Wie schön er war. Seine dunkelbraunen Haare lockten sich am Ende und fielen ihm in das markante Gesicht. Nele strich über seine Schultern bis hin zu seiner Brust, auf der sie ihre Finger spielend verweilen ließ. Sie beugte sich zu ihm und berührte seinen Mund mit ihren Lippen nur flüchtig. „Nimm dir, was du willst.“ flüsterte er, wobei Wollust seinem Blick entsprang und die Hoffnung, dass er bekäme, worauf er abzielte. Plötzlich sprang Nele auf und ging zügig aus dem Zimmer. Etwas verwirrt blieb er liegen, ließ sie jedoch ohne Worte gehen, da er darauf vertraute, dass sie zurück kommen würde. Und das tat sie. Nach einigen lauten Tönen, die er nicht zuordnen konnte, vernahm er ihr Tapsen zurück in seine Richtung. Fast scheu betrat sie langsam das Zimmer, die Hände auf dem Rücken verbergend. Sie setzte sich auf seinen Schoß und sah ihn liebevoll an. „Alles?“ Er verstand nicht „Was?“ Ihr Blick verfestigte sich „Ich darf mir alles nehmen, was ich möchte?“ Janoschs Augen schlichen um sie herum, als warte er darauf, dass ihm etwas passendes dazu einfiele „Aber ja doch. Alles was du willst.“

„Ich will ein Stück deiner Taille.“ flüsterte sie sanft lächelnd, drehte ihren Arm hervor und drückte die Spitze des Messers, das in ihrer Hand auf seine Berufung wartete, in die Flanke oberhalb seines Beckenknochens. Ihm entglitt ein schockbehafteter Schrei. Nachdem ihm gänzlich bewusst wurde, was sie da im Begriff war anzurichten, fuhr er sie an „Was tust du da?“ Sie schien es gar nicht zu hören. Da das Messer nicht sehr scharf war, hatte Nele Schwierigkeiten einen sauberen Schnitt zu tätigen und mühte sich ab, ihm nicht allzu sehr weh zu tun „Ich nehme mir ein Stück von dir. Ich will dich in mir haben. Weißt du nicht mehr, du hast es erlaubt. Keine Sorge danach darfst du auch etwas von mir essen.“ Ernüchterung legte sich auf sein Gesicht, als Nele ein Stück seines Fleisches anhob, um es letztendlich mit einem letzten Schnitt von ihm zu trennen. Sie schob sich das zwei Finger schmale und einen Daumen lange Stück Leben in den Mund. Ein Rinnsal Rot verirrte sich dabei hinaus über ihre Lippen und sie fing es mit der Zunge ab und hob es zurück in die warme, dunkle Höhle, in der soeben ein Teil von Janosch verschwunden war. Er starrte sie an und konnte nicht fassen, was da gerade passierte „Bist du total bescheuert, du Miststück? Das sagt man doch nur so. Wie zurück geblieben bist du eigentlich. Mach mich sofort los, du Psychobitch.“ Irritiert blickte sie zu ihm hinab „Aber … aber du hast gesagt, dass ich das dürfe. Wieso regst du dich jetzt so auf?“ Er begann sich unter ihr zu winden, um sie von sich hinunter zustoßen „Oh man, was bist du denn für ein Freak. Bind mich jetzt los und dann verpiss’ dich.“ Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, das in diesem Moment etwas in Nele zerbrach.

Teilnahmslos saß sie auf ihm, die Schulter gesenkt, den Blick über seinen Kopf gerichtet, wackelte sie in seinem taktlosen Rhythmus mit. Gedanke sprangen in ihren Kopf und schlugen ihre schwarzen Krallen in den präfrontalen Cortex. Er wollte sie nicht. Er hatte gelogen. „Aber ich will dich. Ich wollte dich immer, auch schon bevor ich dich kennen lernte.“ Er schrie, dass sie endlich von ihm runter gehen solle. Die Sekunde darauf war sie plötzlich innerlich ganz taub. Da war nichts mehr. Und das nichts griff nach ihrem Arm, hob diesen und ließ ihn immer wieder niederrauschen, sodass sich mit jedem Stich des mittlerweile nicht mehr kalten Metalls eine größere Lache Wärme unter ihre Hand ausbreitete. Dabei sah sie in sein Gesicht. Seine Mimik wirkte seltsam entstellt. Das irritierte sie. So schön war er gar nicht mehr. Eine ihrer Augenbrauen hob sich, als sie dies bemerkte. Sie wusste nicht wie lang ihr Arm auf ihn so einstach, aber irgendwann fiel ihr auf, dass seine Augen bereits geschlossen waren. Sie ließ das Messer auf die Matratze fallen und legte ihre Hände vor sich ineinander. Sie sah auf die von ihr errichtete Landschaft, die einst Janoschs Bauch war. Ihre Finger tippelten vor ihr am Rand der Verletzung und glitten automatisch in die Wunde hinein. Nele Schloss die Augen. Es war herrlich warm in ihm. Am liebsten hätte sie sich ganz klein gemacht und wäre in ihn gestiegen. Doch sie wusste, dass dies nicht möglich war, also erforschten ihre Hände sein Inneres bis sie weiter oben an etwas Festes stießen. Sie legte den Kopf zur Seite, senkte den Blick und umgriff, was sie gefunden hatte, mit beiden Händen, um daran zu ziehen. Stück für Stück trennte sich das Ding vom Körper und sie konnte es in die Freiheit heben. Es war Janoschs Herz, das sie da in den Händen hielt. Sie lächelte selig „Oh, wie wunderschön.“

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste, denn sie wollte ihre Oma heute besuchen, die weit auswärts wohnte. Nele stand auf und ging ins spärlich eingerichtete Bad. Dort legte sie den nicht mehr zuckenden, lauwarmen Muskel in das Waschbecken und ließ Wasser darauf fließen. Sie wusch es und hielt es dabei sacht in den Händen. Sie wollte dieses faustgroße Stück Glück nicht beschädigen. Dann wickelte sie es sorgfältig in ein Handtuch, ging zurück in das Zimmer, sah sich um und entdeckte einen Schuhkarton, der scheinbar achtlos auf den Boden geschmissen wurde. Sie legte die verpackte Kostbarkeit hinein, schloss den Deckel und zog sich an. Bevor sie ging, setzte sie sich an den Rand der Matratze und begann Janoschs Gesicht zu streicheln. Ihre Finger glitten über seine bereits erkaltete Haut und spielten ein wenig mit seinem Haar, das auf der Stirn lag. Sie beugte sich vor, küsste ihn auf Wange und Mund. Dann neigte sie ihren Kopf zur Seite und flüsterte „Ich werde gut auf dein Herz aufpassen, mein Liebster.“

 

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